Frühe Jagd bringt gute Strecke

Welcher erfahrene und gut beobachtende Jäger kennt nicht das alljährlich auftretende Phänomen, dass noch im August und September „gut Hasen“ da sind, die spätherbstliche oder winterliche Jagdstrecke aber dann doch weit hinter den Erwartungen zurückbleibt? Dabei ist des Rätsels Lösung ebenso offensichtlich wie logisch.
Von höchster Bedeutung ist hier nach wie vor die Kokzidiose, allen voran die Dünndarmkokzidiose der Junghasen. Denn ganz überwiegend die Junghasen gehen in mehr oder minder großer Zahl im Spätherbst an der Dünndarmkokzidiose ein. Das oft zitierte Hasensterben im Herbst ist bei genauer Betrachtung in den allermeisten Fällen also ein „Junghasensterben“. Durch einen entsprechend frühen Jagdtermin könnte zumindest ein Teil dieser Junghasen noch erlegt werden.
Kokzidien sind einzellige, wirtsspezifische Parasiten, die in (mindestens) acht verschiedenen Arten (Eimeria spec.) beim Feldhasen auftreten können. Für ihre Entwicklung benötigen sie außerhalb des Körpers als so genannte Oozysten zwei entscheidende Faktoren – Feuchtigkeit und Wärme – um sich zu infektionstüchtigen Einzelparasiten entwickeln zu können. Feuchte Sommer, gefolgt von einem warmen Herbst, sind folglich beste Voraussetzungen für die Seuchenzüge der Kokzidiose.
Bei großer Trockenheit im Sommer und Herbst fallen wesentlich weniger Junghasen der Kokzidiose zum Opfer. Es fehlt zunächst der Faktor Feuchtigkeit, später im Winter dann die entsprechende Wärme, was der Grund dafür ist, dass die oft seuchenhafte Wirkung mit zunehmender Kälte verschwindet.
Eine bereits Mitte der 80er-Jahre durchgeführte Streckenanalyse aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen (Brüll 1985) zum Beispiel zeigte, dass noch bis Mitte November die Junghasen zwischen 42 und 58 Prozent der Gesamtstrecke ausmachten. Von Ende November bis Mitte Dezember ging dieser Anteil auf 33 bis null(!) Prozent zurück. Weitere Untersuchungen (z. B. Rath 1986) bestätigen diesen Trend unzweifelhaft. Der Streckenanteil der Junghasen sinkt demzufolge umso weiter, je später die Treibjagd im Jahr terminiert wird.
Sicher werden sich die absoluten Zahlen revierweise unterschiedlich und von der Höhe des Zuwachses sowie dem wetterbedingten Verlauf der Kokzidiose abhängig verschieben, die Tendenz aber wird sich kaum verändern. Weiterhin mehren sich die Abgänge durch die Pasteurellose unter dem Einfluss von Kälte und Nässe – bei typischem Novemberwetter also. Gleiches gilt für die Viruskrankheit EBHS. Hinzu kommt, dass jede zeitlich bedingte Verkleinerung der Äsungsflächen zu Massierungen und so zu einem erhöhten Infektionsrisiko führt.
Von späten Treibjagden oder gar dem traditionellen Hasensylvester sollten wir uns also – falls noch nicht geschehen – endgültig verabschieden. Dass die Zahl der Junghasen bereits zuvor in den meisten Revieren durch eine Vielzahl von Beutegreifern empfindlich reduziert wird, ist unzweifelhaft und bedarf an dieser Stelle keiner besonderen Erwähnung mehr. Und nicht vergessen: Der jagdlich nutzbare Hasenzuwachs lässt sich durch mehrfache Scheinwerfertaxationen recht zuverlässig ermitteln.