Unter Wind …

Welcher Jäger kennt es nicht, das Bild plötzlich verhoffenden und aufwerfenden Wildes? Sekunden oder Sekundenbruchteile sichtlicher Verunsicherung folgen und im Troll oder mit raumgreifenden Sprüngen geht es ab in die nächste Deckung. Und oft erst dann bemerken wir, dass der Wind, der uns vor kurzem noch optimal ins Gesicht wehte, plötzlich gedreht hat. Insbesondere beim Schalen- und Raubwild ist es der Wind, der nur allzu oft über Erfolg und Misserfolg unserer Jagdausübung entscheidet.
Die Größe der Riechschleimhaut beziehungsweise des Riechepithels und die Zahl der Geruchsrezeptoren pro Flächeneinheit entscheiden letztlich über das Riechvermögen eines jeden Wirbeltieres. Die Nagetiere, die Hasenartigen sowie die Huf- und Raubtiere – also jene zoologischen Ordnungen, denen sämtliche heimischen Haarwildarten zugeordnet werden – gehören zu den so genannten Makrosmaten. Sie verfügen über mehr oder minder starke Vergrößerungen des Riechepithels beziehungsweise über sehr viele Geruchsrezeptoren pro Flächeneinheit der Riechschleimhaut. Der Mensch dagegen zählt zu den Mikrosmaten, also zu den Tieren mit geringen Riechleistungen. Die Riechschleimhaut eines erwachsenen Menschen umfasst nur etwa fünf Quadratzentimeter, die eines größeren Hundes zwischen 70 und 85 Quadratzentimeter. Diese Vergrößerungen wurden beim Wolf, dem Stammvater aller domestizierter Hunderassen durch Faltenbildungen der Nasenmuscheln sowie eine Streckung des Gesichtsschädels erreicht. Derartige morphologische Anpassungen werden auch bei sämtlichen heimischen Schalenwildarten besonders deutlich.
Die Riechschleimhaut eines ausgewachsenen Rehs umfasst rund 90 Quadratzentimeter. Die Gesamtzahl der Riechzellen eines Rehs liegt durchschnittlich bei etwa 33.000, im Extrem bei 62.000 pro Quadratmillimeter und übertrifft die des Menschen somit um ein Vielfaches. LABHARDT (1990) wies nach, dass Fuchsrüden bei geeignetem Wind die Sexualpheromone paarungsbereiter Fähen über mindestens vier Kilometer(!) Entfernung wittern. Die Zahl der Riechzellen oder Geruchsrezeptoren in der Schleimhaut ist selbst beim Kaninchen noch etwa fünfmal höher als beim Menschen.
Von allen diesbezüglich bisher untersuchten Wildarten besitzt das Schwarzwild die größte flächenmäßige Ausdehnung des Riechepithels sowie die größte Zahl an Geruchsrezeptoren. Schon bei Überläufern umfasst das Riechfeld etwa 170 Quadratzentimeter, bei zweieinhalbjährigen Sauen rund 290 Quadratzentimeter und beinhaltet zwischen 300 und 560 Millionen Rezeptoren (BRIEDERMANN, 1990). Diese Zahlen mögen verdeutlichen, wie hoffnungslos unterlegen wir Menschen dem Riechvermögen unserer Haarwildarten sind.
Seiner hohen Leistung entsprechend ist die biologische Bedeutung des Geruchssinnes für das Haarwild sehr groß. Seine Funktionen sind vielfältig. Er dient der Nahrungssuche, zur Feindvermeidung, zum Finden des Geschlechtspartners im Östrus, zum Erkennen von Artgenossen, Familienmitgliedern oder solchen anderer Sippen, der Kennzeichnung, Markierung beziehungsweise Erkennung von Wechseln und Territorien usw..
Stellt man sich abschließend die Frage, warum sich gerade der Geruchssinn bei den angesprochenen Tierarten so fein und ausgeprägt entwickelt hat, und warum sie fast ausnahmslos Gerüche und Düfte als wichtigste Informationsquelle und Orientierungshilfe nutzen, stößt man sehr bald auf eine Vielzahl von Vorteilen. Optische und akkustische Wahrnehmungen sind nur allzuoft Momentaufnahmen, die darüber hinaus nicht immer zuverlässig sind. Ein Beispiel: Ob eine etwa 200 Meter entfernt vor der Dickung stehende, weitgehend regungslose Gestalt ein Mensch beziehungsweise „ein Feind“ oder ein potentielles Beutetier ist, oder eine krummgewachsene Kiefer, ist aus Sicht des Tieres – ohne sich selbst in Gefahr zu bringen – nicht sicher zu klären. Ebenso kann eine flüchtig wahrgenommene Bewegung oder ein plötzliches, kurzes Geräusch gleichsam von einem herabfallenden Ast, einem Feind oder einem Beutetier stammen. Wenn aber eine optisch oder akkustisch undefinierbare „Gestalt“ intensiv „nach Mensch“ riecht, dann ist es auch einer!
BENINDE hat diese Sachverhalte in seiner „Naturgeschichte des Rothirsches“ schon 1937 praxisnah und treffend zusammengefasst: „Die Nase ist der unbestechlichste der Sinne. Auge und Ohr können irren, die Nase nie! Ist sie genügend scharf, so garantiert die Luftströmung dem Tier unbedingte und uneingeschränkte Wahrnehmung alles dessen, was hunderte von Metern entfernt über Wind geschieht. Davor gibt es kein Verbergen, das weiß jeder Jäger!“